Interview mit Shia Su von Wasteland Rebel

Shia ist der kreative Kopf hinter dem veganen Back-Blog Cake Invasion. Seit einigen Monaten versucht Sie mit ihrem Mann den Zero Waste Lebensstil umzusetzen. Über Ihre Erfahrungen damit bloggt sie jetzt auch auf Wasteland Rebel. Wir haben Shia zu Ihrem anspruchsvollen Projekt befragt.

Shia-1024x683©Lina-Maria Schön von Mandelmilch & Cashewmus

Karin: Shia, Du hast ja in den letzten Jahren privat viel in Deinem Leben verändert. Einerseits bist Du Veganerin geworden und andererseits hast Du beschlossen, Zero Waste zu praktizieren. Was waren die Auslöser dafür?

Shia: Schon bevor ich vegan wurde, war ich zu-Hause-Veganerin-auswärts-Vegetarierin. Einfach, weil es sich in der mittelgroßen Stadt, wo ich vorher gewohnt hatte, kaum anders realisieren ließ. Da war man als Vegetarier schon sehr der Gnade der Kantinenköche ausgeliefert, denn von den täglichen drei Gerichten war in der Regel nicht mal ein einziges überhaupt vegetarisch. Auch Freunde und Bekannte nehmen dort keine Rücksicht darauf – das ist dort einfach nicht üblich. Vor über einem Jahr sind wir nach Bochum gezogen, wo das vegane Angebot traumhaft ist und Leute darauf auch hauptsächlich sehr positiv reagieren. Da ging dann die letzte Umstellung ganz einfach.

Zu zero waste bin ich gekommen, als ich in einer veganen Facebook-Gruppe einen Bericht über Béa Johnson gesehen hatte. Das war ein Moment, wo ich mir die Hand gegen das Brett vor meinen Kopf geklatscht hab, und dachte: “Echt, du hast dich ja auch immer schön brav mit den Ködern zufrieden gegeben, die dir so hingeschmissen wurden!” Ich habe immer Taschentücher aus Recyclingpapier gekauft und gedacht, dass wäre halt die ökologische Alternative. Ohne zu sehen, dass diese ja auch sofort wieder Müll sind und außerdem auch diese in Plastik eingepackt waren. Ab da gab’s einen sofortigen Kaufstopp und mein Mann und ich haben uns in der Zeit erst mal umgeguckt, um uns ein bisschen zu orientieren: Wo kann man was unverpackt bekommen? Wir haben nachgelesen, was man als Alternative zu Drogerieartikeln verwenden kann. Und wir waren überrascht, dass wir von den ganzen Vorräten in unseren Küchenschränken locker sechs Wochen leben konnten (natürlich haben wir vereinzelt frische Sachen dazu gekauft).

Karin: Kannst Du ganz kurz erklären, wie Du Zero Waste für Dich persönlich definierst?

Shia: Für mich und meinen Mann bedeutet zero waste nicht nur so wenig Müll wie nur möglich zu produzieren, sondern generell unseren ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Ich bin auch aus diesem Grund vegan geworden. Natürlich finde ich Massentierhaltung ganz schrecklich, aber ich denke eben, dass vegan für mich ein Teil von etwas noch Größerem ist – nämlich eingebettet in den Wunsch nach so wenig Ausbeutung von Umwelt, Mensch und Tier wie möglich. Dabei geht es uns jetzt nicht darum, allen Leuten auf die Finger zu hauen und so konsequent wie möglich zu sein. Es ist alles ein Prozess, und keiner ist perfekt. Man kann die Sache mit unglaublich viel Wut als Kampf angehen, oder gutgelaunt und die Leute mit Fröhlichkeit und Begeisterung anstecken. Keiner muss in unseren Augen super konsequent sein. Wer anfängt, etwas zu tun, sollte darin unterstützt werden, und wenn es eben mit “nur” einem fleischfreien Tag pro Woche anfängt oder mit dem Kauf von BIO-Produkten. Denn wenn jeder reduziert, wäre auch schon sehr viel geschafft. Das kann unter Umständen sogar insgesamt einen kleineren ökologischen Fußabdruck bedeuten, als wenn nur wenige dafür ganz konsequent leben.

Karin: In einem TV-Beitrag hast Du erzählt, dass Dein Mann und Du früher viel Tiefkühl- und Fertigessen konsumiert habt. Wie ist es Euch gelungen, diese Gewohnheiten umzustellen?

Shia: Durch zero waste. Denn das ganze ungesunde Zeug ist ja immer eingepackt, und das kaufen wir einfach nicht mehr. Obst und Gemüse hingegen bekommt man eigentlich überall unverpackt. So essen wir halt einfacher, aber mit frischen Zutaten. Zuerst ist das etwas ungewohnt, aber irgendwann hat man sich daran gewöhnt. Wir haben ja beide auch unheimlich viel genascht. Ich gerne Süßes, mein Mann Chips. Das war schon erst mal wie Entzug. Mein Mann hat dann stattdessen gesalzene Cashews in diesen Dosen gekauft. Zwar nicht verpackungsfrei, aber er hat es bewusst als Übergang gemacht – immer weniger, bis er schließlich gar kein Bedürfnis mehr verspürt hat. Ich habe einfach mehr gebacken, aber inzwischen habe ich auch eigentlich gar keinen Heißhunger mehr auf Süßes.

Karin: Gerätst Du bei manchen Dingen trotzdem noch in Versuchung zu konsumieren und wenn ja, wie gehst Du damit um?

Shia: Mein Kosumverhalten hat sich sehr geändert. Ich laufe durch die Fußgängerzone und gucke gar nicht mehr in die Geschäfte. Das hat gefühlt einfach nichts mehr mit mir zu tun. Wenn mir jemand mal ein cooles Shirt zeigt, verspüre ich natürlich schon erst mal den Wunsch, es zu haben. Aber ich kann es sowieso nicht übers Herz bringen, weil ich weiß, dass darin zu 100% Ausbeutung steckt – und das ist es mir einfach nicht wert. Das steht doch wirklich in keinem Verhältnis, dass da Leute bei der Produktion vergiftet werden, Kinder unter schrecklichen Bedingungen arbeiten müssen und die Umwelt verschmutzt wird, nur damit ich ein Shirt mehr im Schrank habe, das ich gar nicht wirklich brauche und wahrscheinlich auch kaum tragen werde!

Früher zu Studentenzeiten hatte ich ziemlich wenig Geld. Da hab ich immer den Trick gemacht, Sachen, die ich kaufen möchte, erst mal wieder zurückzulegen. Wenn ich in einer Woche immer noch daran denke und es will, dann kaufe ich mir das. Fast alle Sachen habe ich dann aber auch sofort wieder vergessen! Das hat mir damals schon gezeigt, dass man vieles auch tatsächlich nur in dem kurzen Moment will. Wenn einem das klar wird, ist es auch einfacher, davon Abstand zu nehmen.

Karin: Zero Waste geht – meiner Erfahrung nach – oft auch damit einher, viel selber zu machen. Wie habt Ihr es geschafft, die Zeit für diese neuen Tätigkeiten zu finden?

Shia: Wir wohnen fast in der Fußgängerzone neben einem großen Drogeriemarkt. Ich habe mal die Zeit gestoppt – und ich brauche für das Selbermachen von Wasch- und Spülmittel zusammen gut fünf Minuten, wenn ich vorgeraspelte Seifenflocken habe (ich raspel dann mal ein großes Seifenstück komplett vor, das dauert mit der Hand auch nur 5 Minuten). Das ist deutlich schneller, als die Sachen in der Drogerie nebenan “schnell mal” zu kaufen. Unsere Armee an Putzmitteln haben wir durch Essigessenz ersetzt. Leider nicht vegan, aber insgesamt die ökologischere Alternative. Man braucht für wirkungsstarken Essigreiniger nur einen Esslöffel auf 300ml Wasser. Essigreiniger zu machen dauert so vielleicht mal 20 Sekunden – und eine Flasche ist so ergiebig! Früher sind wir andauernd noch mal kurz zur Drogerie gelaufen, weil immer irgendeins unserer gefühlten 300.000 Produkte alle war. Das machen wir jetzt gar nicht mehr. Wir haben eher sehr viel Zeit gespart, weil wir vieles vereinfacht haben. Was zu kompliziert ist, machen wir einfach nicht. Man kann natürlich ganz viel selber machen, gerade bei Kosmetik. Aber daran haben wir gar kein Interesse. Wir kochen übrigens auch sehr einfach, und das funktioniert wunderbar so :).

Karin: Wird Euer Zero Waste Projekt in Eurem Familien- & Freundeskreis akzeptiert, d.h. wird bei Geschenken an Euch, etc. darauf Rücksicht genommen?

Shia: Die meisten haben das Ausmaß immer noch nicht erfasst bzw. es fällt ihnen sehr schwer, es zu verstehen. Häufig haben die Leute es auch gar nicht auf dem Schirm, und schicken uns doch Postkarten aus dem Urlaub, bringen Geburtstagskarten mit oder bieten uns extra für uns gekaufte verpackte BIO-Snacks an. Es ist nicht einmal böse gemeint, sondern eine Art Müllblindheit. Sie wollen uns unterstützen, und denken sie tun es auch, aber sehen nicht, dass das für uns ebenfalls Müll ist. Wir wünschen uns seit bestimmt acht Jahren schon, nichts geschenkt zu bekommen. Weder zu Geburtstagen noch zu Weihnachten. Das wird fast nie respektiert. Weil sie doch schenken wollen, und das sollen wir ihnen doch auch lassen. Gerade ich erkläre immer und immer wieder, dass es nichts bringt, uns etwas zu schenken, weil wir es sowieso nicht behalten werden. Wir werden uns über den Müll ärgern und die Sachen wieder in Umlauf schicken. Das ist allerdings eher ein verbaler Schlag ins Gesicht und man sollte sich gut überlegen, ob man das so kommunizieren will ;).

Karin: Bea Johnson von Zero Waste Home ist ja eines Deiner Vorbilder. Welche anderen Blogger inspirieren Dich noch beim Zero Waste Thema?

Shia: Vorbild ist wahrscheinlich das falsche Wort. Ich finde es toll, was sie macht, aber ich möchte keineswegs so leben wie sie, und habe auch nicht den Anspruch, die Sachen genauso zu machen wie sie ;). Ich gucke mir gerne verschiedene Lebensentwürfe und auch Alternativen für dies und das an, und ich probiere gerne vieles aus. Was uns gefällt, nehmen wir für uns an. Es müssen für mich auch keine Zero Waste Blogger sein. Ich wasche mir beispielsweise mein Haar total gerne mit Roggenmehl. Das habe ich bei einer Bloggerin gelesen, die über vegane Kosmetik schreibt und deren Blog ich schon länger verfolge (http://kosmetik-vegan.de). Mit Zero Waste hat sie eigentlich nichts am Hut. Die meisten Zero-Waster (und mein Mann auch ;)) scheinen eher auf feste Shampooseife oder Shampoo zum Abfüllen zurückzugreifen, aber das möchte ich persönlich wegen der Tenside darin nicht, wenn es doch auch anders geht. Ich habe auch das Nudelmachen als Hobby für mich entdeckt und suche nun auf englisch-, chinesisch- und auch japanischsprachigen Seiten nach speziellen Rezepten für bestimmte Nudelspezialitäten.

Ansonsten gucke ich gerne auf dem Blog von Olga (http://zerowasteblog.de) vorbei, die sich ebenfalls auch ohne einen Unverpackt-Supermarkt in ihrer Nähe ihre Alternativen überall zusammen sucht. Von ihr habe ich die Idee, statt Klopapier einfach auf Wasser und Waschlappen zurückzugreifen (wir benutzen für das große Geschäft auch noch Seife). Funktioniert wunderbar und ist viel hygienischer :). Auf Lauren Singers Blog gucke ich auch immer mal, wobei ich noch keine ihrer Alternativen so direkt ausprobiert habe. Da finde ich es interessant, wie sie in einer Metropole wie New York zero waste lebt. Es gibt auch die Zero-Waste-Familie (http://www.zerowastefamilie.de), wo ich auch mal etwas lese und tolle Infos bekomme – ich wusste nämlich nicht, dass man Natron in Apotheken auch ins eigene Glas abgefüllt kaufen kann, oder dass Apotheken auch Zahnpulver für einen zusammenstellen. Bei Utopia.de gibt es auch einen Zero Waste Blog, wo ich gerne mal lese (http://www.utopia.de/blog/zero-waste).

Karin: Mein Mann und ich versuchen selbst auch nach und nach Zero Waste immer mehr umzusetzen und suchen teilweise noch nach Alternativen, z.B. bei Zahnseide. Wo seid Ihr noch auf der Suche und wo habt Ihr Lösungen gefunden mit denen Ihr vorher gar nicht gerechnet hättet?

Shia: Da ich in meinem veganen Backblog Cake Invasion auch häufig solche Themen aufgreife und von unseren ganz spezifischen Problemen berichte, bekomme ich auch ganz viele Tipps von meinen Lesern :)! So kamen wir auch zu unserer Wurmkiste, die nun in unserer Küche steht. Von allein wäre ich wahrscheinlich nie drauf gekommen, weil ich dachte, dass kompostieren in unserer Stadtwohnung bestimmt nicht in Frage käme! In der Tat hat mir auch eine Leserin von kompostierbarer Zahnseide aus echter Seide erzählt und mir direkt einen Onlineshop genannt, wo ich sie auch kaufen kann. Das ist zwar nicht vegan, aber generell die ökologischere Variante – und tötet man mit Plastik nicht auch ganz viele Tiere im Meer? Bald neigt sich unsere Zahnseide, mit der wir seit einem Jahr sehr sparsam umgehen, dem Ende zu und ich werde die Zahnseide aus echter Seide dann bestellen. Die kompostierbare Bambuszahnbürste hatte ich in unserem lokalen veganen BIO-Markt noch vor unserer zero waste Umstellung entdeckt. Manchmal stößt man also auch in der unmittelbaren Umgebung auf Sachen, wenn man nur die Augen offen hält.

Tolle Ideen bekomme ich auch, wenn ich gerade ältere Leute frage, wie es denn früher war. Die erzählen dann z.B., wie sie Essen zum Mitnehmen auch einfach in Tüchern eingeschlagen haben (das machen wir ja auch, wenn wir uns was to-go holen).

Karin: Wie hat Zero Waste Euer Leben bisher verändert?

Shia: Zero Waste hat unseren Alltag komplett umgekrempelt! Wir haben uns noch nie in unserem Leben so gesund ernährt. Wir essen zwar immer noch viel auswärts, aber zu Hause gibt es nur noch BIO-Produkte und alles wird aus frischen Zutaten ohne Fertigzeugs gemacht. Meiner Neurodermitis-Haut geht es so gut wie noch nie! Das kommt bestimmt auch durch die Ernährung, aber auch dadurch, dass sie nicht mehr mit so viel “Chemie” in Berührung kommt. Sie wird mit Ölen, mit denen wir auch kochen, eingecremt, und mit gut verträglicher Olivenölseife gewaschen. Unser selbstgemachtes Spülmittel ist ebenfalls nicht so aggressiv wie Gekauftes, sodass ich auch ohne Spülhandschuhe keinen Ausschlag mehr bekomme. Unsere Wohnung ist viel leerer und somit auch automatisch aufgeräumter als vorher, weil uns aufgefallen ist, wie viele Sachen wir hatten (und immer noch haben), die wir nicht mal benutzten, von brauchen ganz zu schweigen. Diese Sachen bringen wir auch immer noch unter die Leute, damit sie weiter verwendet werden. Denn wenn es bei uns nur einstaubt, sind es verschwendete Ressourcen. Wir haben generell viel mehr Zeit als vorher, denn wir müssen viel seltener einkaufen gehen, haben weniger Sachen und weniger Müll – insgesamt müssen wir uns also weniger mit dem Haushalt aufhalten.

Karin: Auf Wasteland Rebel findet man ja jetzt schon viele praktische Tipps von Dir. Gibt es noch etwas Spezielles, was Du Zero Waste Anfängern mitgeben möchtest?

Shia: Ich denke, dass es ein Prozess ist, der auch seine Zeit braucht. Wir haben alle uns unser Konsumverhalten nicht über Nacht antrainiert, und wir werden es auch wahrscheinlich nicht von einen auf den anderen Tag komplett umkrempeln können. Das ist ja auch voll in Ordnung so, da muss sich auch keiner unter Druck setzen. Wir haben mit einem Kaufstopp angefangen, der uns Zeit gegeben hat, uns mit Alternativen vertraut zu machen und zu gucken, wo man was bekommt. Am Anfang haben wir auch mal aus Gewohnheit aus Versehen doch wieder etwas Verpacktes gekauft (Kirschtomaten). Und auch heute noch klappt es nicht immer, z.B. wenn man auswärts isst und doch eine Serviette gebracht wird, obwohl man sie abbestellt hatte. Da ärgert man sich natürlich erst mal. Aber es bringt ja nichts, sich da reinzusteigern und sich fertig zu machen. Besser ist es, sich das für das nächste Mal zu merken und es dann anders zu machen. Auch fangen wir immer bei Sachen an, die uns “wenig weh tun”, denn da ist die Umstellung am einfachsten und man kann schon mal üben, weniger und bewusster zu konsumieren. Später kann man sich dann ans Eingemachte machen, wenn die anderen Baustellen abgearbeitet sind.

Karin: Vielen lieben Dank für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg auf Eurem Weg zu Zero Waste, Shia!

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