Willkommen in Irlands Ökodorf

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Saubere, gespenstisch ruhige Gassen, neu aussehende Einfamilienhäuser mit meist kleinen, aber umso üppigeren Gärten, die die Liebe ihrer Eigentümer zum Grün zeigen; vor uns einige höhere Gebäude, die offensichtlich von mehreren Parteien bewohnt werden. Schilder warnen davor, mit zu hoher Geschwindigkeit unterwegs zu sein, Autos parken – teilweise mit offenen Kofferräumen – am Straßenrand und ein Fluss, der durch die Siedlung fließt. Kein Anzeichen davon, dass es sich um ein außergewöhnliches Dorf handelt, durch das wir hier laufen. Wäre da nicht am Beginn ein Schild gewesen: Welcome to Cloughjordan, Ecovillage!

Wir sind auf unserer Reise durch Irland einem Ruf gefolgt, oder besser gesagt einer Empfehlung auf Couchsurfing : Schaut Euch einmal das Ökodorf The Village an, hieß es da auf meine Frage nach nachhaltigen, ökologischen und grünen Projekten, die man sich als interessierte Reisende nicht entgehen lassen sollte. Ökodorf!? Klingt gut – vor allem, nachdem es das Einzige in ganz Irland ist.

Über eine Woche sind wir schon unterwegs, haben die Großstadt Dublin erlebt, uns der Herausforderung eines linksfahrenden Mietautos und den engen, bergauf-bergab-Routen der Insel gestellt, uns per Boot übers Wasser zu Robben schippern lassen, sind auf die Spuren von Elfen und Einhörnern gegangen und haben in Pubs feuchtfröhlich mit Iren schunkelnd die Schönheit ihres Landes besungen. Unvergessliche Zeit in einem unvergesslichen Staat – und doch sind es die beiden Tage im Ökodorf in Cloughjordan, an die ich jetzt denke, wenn ich mich an den Sommerurlaub in Irland erinnere!

“In der ersten Initiative 1999 wollten wir einen Bauernhof kaufen, vierzig Häuser und ein Studienzentrum bauen”, erzählt mir Gründungsmitglied Davie Philips am zweiten Tag, als wir an einem riesigen Nachbarschafts-Abendessen der Gemeinschaft teilnehmen, “dann haben wir ein Jahr lang nachgedacht und geplant und haben gesehen, dass es in Irland so viele Dörfer gibt, die am Aussterben sind. Da haben wir daran gedacht, dass der bessere Ansatz wäre, ein Land neben einer bestehenden Siedlung zu finden, das Dorf wieder zu beleben und da ein Musterbeispiel zu geben.” Genau das ist mitten in der Region Tipperary in Irland auch passiert.

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Es ist nicht der schönste Flecken des Landes und schon gar keiner, der für Touristen spannend ist. Aber mittlerweile kommen sie doch, die Interessierten, die sich das Ökodorf einmal anschauen möchten. 200 pro Monat sind es, die sich im Hostel oder in einem der privaten Bed&Breakfasts einmieten: “Es ist nicht unser Bestreben, die BesucherInnen anzuziehen, denen es um den Anblick geht, sondern diejenigen, die eine Erfahrung suchen. Wir möchten ein echtes Erleben in der Gemeinschaft bieten mit der Gelegenheit etwas zu lernen.”, erzählt mir Davie von den touristischen Plänen für das Ökodorf.

Angezogen werden auch Menschen, die länger in der Region bleiben möchten, wie Barry, dem wir am ersten Tag in die Arme laufen.“Eigentlich wollte ich hier nur Ferien machen. Das war vor drei Monaten”, erzählt uns der gebürtige Dubliner. Mittlerweile arbeitet er als Freiwilliger auf der  Community Farm, hat sich in einer Wohnung eingemietet und wird im Gegenzug von der Gemeinde mit warmen Mittagsmahlzeiten versorgt. “So wie hier hat es beim Kauf des Grundstücks vor fünfzehn Jahren überall ausgesehen”, berichtet er, während wir über wild wucherndes Unkraut, Blumen und üppige Wiesen schlendern. Erst vor vier Jahren konnten die ersten BewohnerInnen ihre Häuser bauen: Mittlerweile leben 42 Familien in The Village, es gibt kleine Shops, das erwähnte Hostel und einen Gemeinschaftsgarten. Dort können die BewohnerInnen auf ihrem eigenen Beet Blumen, Obst oder Gemüse pflanzen. Können, aber nicht müssen, denn zur Versorgung gibt es noch die Community Farm. Dort dürfen sich die Mitglieder einkaufen. Die Erträge stehen mittwochs und freitags in einer Halle zur freien Entnahme zu Verfügung. “Natürlich ist jeder angehalten, wirklich nur so viel zu nehmen, wie er braucht”, erklärt Barry das System, “schließlich soll jeder etwas davon bekommen.”

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Profitieren können auch die EinwohnerInnen des Dorfs Cloughjordan, wo The Village angesiedelt ist. “Natürlich wird die lokale Wirtschaft dadurch gestärkt, wenn Menschen uns besuchen. Das Hostel und die Bed&Breakfasts sind genauso ausgebucht wie das Café, das Buchgeschäft, die Shops und die Pubs”, bestätigt Davie. Kritik am Ökodorf kommt dennoch, vor allem von außen. Zum Beispiel daran, dass die Häuser in The Village zwar energieeffizient, aber dennoch groß sind und sich nicht jeder leisten kann, im Ökodorf zu wohnen. Oder dass die größte Solaranlage Irlands zwar gebaut wurde, aber sich jetzt nicht im Einsatz befindet: So, wie sie ist, ist sie gefährlich – und für den Umbau fehlt das Geld.
Wen wundern da Davies Wünsche, wenn er an die Zukunft von The Village denkt: “1. Dass sich mehr Menschen ansiedeln mit einer Energie, Enthusiasmus und den Talenten, die uns helfen, das Projekt weiter zu entwickeln. 2. Ein Philantrop, der den Wert von dem sieht, was wir tun und uns viel Geld gibt, damit wir unsere Erziehungseinrichtungen entwickeln können.
3. Dass die Wirtschaft gut genug läuft, sodass Menschen sich leisten können, uns einen Besuch abzustatten.” Sie mögen sich erfüllen, diese Wünsche!

Genauso wie unsere: Als es nach zwei herrlichen Tagen in der bunten Gemeinschaft Zeit wird Abschied zu nehmen träumen wir nämlich nur von einem – nach The Village zurück zu kommen, irgendwann…

Zusatzinfos:
 Mehr zum Eco Village gibt´s unter http://www.thevillage.ie.
 Jeden Samstag kann man optional eine Führung durch das Gelände buchen. Darüber hinaus werden Experience Weekends angeboten, bei denen Interessierte alles über nachhaltiges Wohnen, erneuerbare Energie, biologisches Essen, traditionelles Handwerk etc. und das Leben in The Village lernen können. Mehr dazu unter: learning@thevillage.ie

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei Doris für diesen Gastbeitrag bedanken, die sich auf nachhaltiges Reisen spezialisiert!

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